Gestern in der Kaufhalle: Wutbürgertum und die Kosten

Aus gegebenem Anlass möchte ich einmal meinen Gedanken zum Wutbürgertum freien Lauf lassen.

Gestern war ein ganz normaler Freitagnachmittag in der Kaufhalle. Die Kassiererin schickte sich an, einem etwas unbeholfenen älteren Herrn das Geld aus dem Portemonnaie abzuzählen. Und wie es „Murphys Gesetz“ wollte, bildete sich just in dem Moment eine Schlange an der einzigen geöffneten Kasse.

Wir alle kennen die Regel: Ab mehr als 5 Kunden wird eine weitere Kasse geöffnet – so steht es an den aufgehängten Plakaten zu lesen.

Nun war aber wie gesagt die Kassiererin schwer beschäftigt und bemerkte die sich anbahnende Katastrophe nicht sofort: Mittlerweile standen schon 10 (oder waren es 100?) Kunden an ihrer Kasse an – und nichts passierte.

Also satte 3 Gründe, sich mal richtig aufzuregen:

  1. Rentner am Freitagnachmittag an der Kasse! Wenn alle Berufstätigen einkaufen!
  2. Nur eine Kasse geöffnet!
  3. Eine Kassiererin ohne Augen im Hinterkopf! Geht ja gar nicht!!!

Jedenfalls: für eine Kundin in der Schlange war das Maß nun voll. Nicht nur, dass sie um Öffnung einer weiteren Kasse gebeten hatte. Empört darüber, dass sie nicht augenblicklich erhört wurde (wir erinnern uns an die Kassiererin ohne Augen im Hinterkopf, die das Geld des Rentners abzählte…), drohte sie nun stimmgewaltig mit sofortiger Beschwerde bei der Filialleitung.

Prompt wurde selbstverständlich eine zweite Kasse geöffnet. Sonst hätte die Kundin womöglich noch mit der Presse oder ihren Beziehungen zum Weißen Haus gedroht.

Zu ihrem Leidwesen kam besagte Kundin aber immer noch nicht an die Reihe. Denn nun stellte ich mich als Erste an die neu geöffnete Kasse (ich stand gerade strategisch günstig) und begann meinen vollen Einkaufswagen aufs Band zu packen.

Enttäuscht über das Unverständnis, mit dem die anderen Kunden auf Ihren „Auftritt“ reagierten, entrüstete sie sich, das sei wieder mal typisch: Keiner getraut sich etwas zu sagen, aber alle seien froh, dass eine weitere Kasse geöffnet worden war. (Und es stimmt: ich freute mich wirklich darüber.)

Darauf meinte ein netter junger Mann zu ihr, dass man so etwas ja auch freundlicher hätte sagen können.

Interessiert hörte ich nun der Diskussion zu, die sich zwischen den beiden entspann. Es ging um die Frage, ob man mit Freundlichkeit nicht tatsächlich genauso ans Ziel gekommen wäre. Dagegen wehrte sich die Dame entschieden. Sie habe in ihrem Leben die Erfahrung gemacht, dass man mit Freundlichkeit überhaupt nicht weiterkomme, dass man sich durchsetzen müsse. Auch in ihrem Berufsleben: wenn SIE nicht gesagt hätte, wo es langgeht, wäre nichts geworden. (Ah ja!)

Mit seiner sanften Stimme entgegnete der junge Mann gelassen, er habe schon oft an sich selbst erlebt, dass man mit Freundlichkeit viel mehr erreicht.

Da pflichtete ich ihm bei:

„Vor allem lebt man länger.“

Dieser mein so spontan ausgesprochener Satz veranlasste mich einmal ernsthafter über die Kosten des Wutbürgertums nachzudenken.

Es geht dabei nicht um Statistik. Nicht darum, ob die „Freundlichen“ länger leben als die „Unfreundlichen“ – obwohl auch das längst kein Geheimnis mehr ist.

Nein, meine Gedanken drehen sich ganz konkret um diese Frau. Ihre Lernerfahrung war, dass sie mit Freundlichkeit nichts erreicht. Also schaltete sie um auf aggressiv und ungeduldig fordernd. Doch was macht das eigentlich mit dieser Frau?

Ist ihr Blutdruck noch normal? Kann sie gut schlafen? Hat sie oft Magenschmerzen oder Sodbrennen? Fühlt sie sich öfter ausgelaugt und hat Kopfschmerzen? Nun, das alles konnte ich sie natürlich nicht fragen. Aber die Folgen von Wut sind ableitbar:

Bei Aggression wird einerseits jede Menge Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet. Das bewirkt kurzfristig u.a. eine Steigerung von Blutdruck und Blutzucker.

Auf der anderen Seite schüttet der Körper die langsamer, aber nachhaltiger wirkenden Glukokortikoide, allem voran Cortisol, aus. Diese bewirken einen Eiweiß- und Fettabbau und einen zusätzlichen Blutzuckeranstieg.

Normalerweise pegelt sich das schnell wieder ein, wenn der Stress vorüber ist. Aber was, wenn es sich um einen Dauerzustand bzw. eine Grundhaltung handelt?

Dann steigt das Risiko u.a. für:

  • Bluthochdruck
  • Herzrhythmusstörungen
  • Diabetes mellitus
  • Erhöhte Blutfettwerte und damit Arteriosklerose
  • Haut- und Schleimhauterkrankungen
  • Magenschleimhautentzündungen und -geschwüre
  • Entzündliche Darmerkrankungen
  • Verdauungsbeschwerden
  • Bindegewebsschwäche
  • Muskel- und Skeletterkrankungen wie Osteoporose
  • Schlafstörungen
  • Kopfschmerzen
  • Konzentrationsstörungen
  • Infektanfälligkeit
  • Krebs

Der Preis des Wutbürgertums ist für den Einzelnen also hoch. Und jeder für sich muss entscheiden, ob er bereit ist diesen Preis zu zahlen.

Oder ob er es einfach mal mit Freundlichkeit und Gelassenheit versucht – und damit am Ende weiterkommt!

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